Textatelier
BLOG vom: 01.11.2010

Treibjagdgegner im Aargau und die medialen Totschweiger

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Zeitschriften, Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen dürfen im Prinzip berichten, worüber sie wollen. So etwas wie eine Informationspflicht (auch hinsichtlich politisch relevanter Geschehnisse) gibt es nicht. Dabei kann sich kein Medium leisten, wichtige Ereignisse aus der von ihm vorrangig behandelten Thematik zu unterschlagen, weil es sich dadurch als unbrauchbar, unzuverlässig erweisen würde. Zudem spielt die Konkurrenz eine Rolle, d. h. man möchte doch nicht hinter der Konkurrenz zurückstehen. Eine Tageszeitung kann aus solchen Gründen nicht einfach bedeutende aktuelle politische Geschehnisse unter den Tisch wischen, insbesondere in einem Land mit einer direkten Demokratie wie in der Schweiz, wo die Medien Grundlagen für die Meinungsbildung sind. Dementsprechend sind zum Beispiel alle Ereignisse als wichtig einzustufen, die ins Umfeld von Volksabstimmungen und Wahlen gehören – selbstverständlich neben all den Sachfragen, die im politischen Alltag gewälzt werden müssen, weil sie am Ende das Leben der Bevölkerung auf irgendeine Art beeinflussen.
 
Die „Konkurrenz“ wurde als eine wichtige Triebfeder für eine ausreichende Berichterstattung erwähnt. Doch im Zusammenhang mit der globalisierungsbedingten Medienkonzentration kann es regional dazu kommen, dass es faktisch keine bedeutenden Mitbewerber mehr gibt und ein Medienmonopol besteht. Hier ist die Gefahr, dass Ereignisse, die dem Monopolisten nicht gefallen, totgeschwiegen werden, gross, weil Vergleichsmöglichkeiten zwischen Medien fehlen.
 
Die kaltgestellten Treibjagdgegner
Das kann an einem aktuellen Beispiel belegt werden. So hat der in CH-5001 domizilierte, gemeinnützige Verein zum Schutze der bedrohten Wildtiere am 13.10.2010 die nötigen Unterschriften für eine aargauische Volksinitiative eingereicht, die sich für ein „Jagen ohne tierquälerisches Treiben“ (so der Titel der Initiative) einsetzt. Es geht also nicht um eine Abschaffung der Jagd, obschon man auch darüber diskutieren dürfte und sollte, sondern nur um die Bekämpfung von einem ihrer Auswüchse. Deshalb habe ich mich gern bereit erklärt, im Initiativkomitee mitzumachen. Dass man diese zu einem gesellschaftlichen Ereignis hochstilisierte Tierhatz endlich aufgibt, sollte ja wohl eine Selbstverständlichkeit sein.
 
Auf der Aargauer Kantonsebene müssen das Begehren mindestens 3000 Stimmberechtigte unterzeichnen – und zwar ab der amtlichen Veröffentlichung. Die Initiative vereinigte rechtzeitig 3343 beglaubigte Unterschriften auf sich und ist also zustande gekommen (www.jagd-initiativen.ch). Der Vereinspräsident Peter Suter, Hubel 59, CH-5742 Kölliken AG, und einige als Feldhasen und in einem Fall als Dachs verkleidete Helfer lieferten die in Geschenkpackungen versorgten Unterschriftenbögen unter dem Motto „Ein Geschenk für die Tiere“ nach einem Auftritt vor dem Grossratsgebäude fristgerecht in der aargauischen Staatskanzlei ab. Selbstverständlich erhofften sie sich einige mediale Aufmerksamkeit – gewissermassen zum Auftakt des Abstimmungskampfs.
 
Der Verein hatte bereits vor 5 Jahren eine Initiative mit dem gleichen Titel eingereicht. Im November 2005 lehnten die Stimmberechtigten des Kantons Aargau das Begehren mit einer Nein-Mehrheit von 63,8 Prozent ab; die Zustimmung von 36.2 % der Stimmenden war angesichts der bescheidenen finanziellen Mittel der Jagdkritiker zweifellos ein Achtungserfolg . Diesmal erhofft man sich eine grössere Zustimmung, zumal die unnötige Abschiesserei von Wildtieren (Wölfe, Bären) in der letzten Zeit ein beliebtes Diskussionsthema war, was aufzeigte, wie verständnislos viele Menschen den wild lebenden Kreaturen gegenüberstehen.
 
Vom eingeladenen Aargauer AZ-Medienkonzern, der neben Zeitungen eine Radio- und auch eine Fernsehstation verfügt, erschien kein Knochen zur Einreichung der Initiative, und nicht einmal die entsprechende Agenturmeldung wurde weitergegeben. Dafür berichteten das nationale Radio DRS spontan und „Der Landanzeiger“ am 28.10.2010. Offenbar hatte der in CH-5036 Oberentfelden erscheinende Anzeiger im Unterschied zur AZ noch hinreichend Kapazität, über das Ereignis zu berichten. In diesem Publikationsorgan aus der Druckerei Suter AG wird der Vereinspräsident Peter Suter wie folgt zitiert: „Auch unsere Anliegen sollten doch in den Medien fair behandelt werden.“ Und weiter berichtet der Anzeiger, Suter zitierend: „Die grösste Tageszeitung (im Aargau) und der im gleichen Verlag angesiedelte Fernsehsender hätten die Einladung mit fadenscheinigen Ausreden ignoriert und damit die Muskeln des Medienmonopols spielen lassen.“
 
Über die Gründe dieses Totschweigens der formellen Einreichung der Initiative durch die AZ-Medien darf spekuliert werden: Ein nebensächlicher Grund mag sein, dass die Redaktionen personell dermassen abgebaut sind, dass sie die Tagesaktualitäten nicht mehr zu bewältigen vermögen. Immerhin reichte es noch für eine hämische Glosse, die schon etwas fest Treibjagdhafttes an sich hat, in der AZ vom 17.10.2010 unter dem Titel „Verrechnet“: „Nicht ganz aufgegangen ist die Rechnung von Radikal-Tierschützer Peter Suter. Für seine neue Initiative zum Treibjagd-Verbot hatte er sich doppelte Medienpräsenz erhofft. Nachdem er bereits einmal vor das Grossratsgebäude geladen hatte und dann aber nur die unmittelbar bevorstehende Einreichung der Treibjagd-Verbot-Initiative verkündete, war diese Woche weit und breit keine Kamera auszumachen, die die Jagdgegner in Szene gesetzt hätte.“
 
Vom publizistischen Standpunkt aus geht es nicht darum, irgendwelche „Jagdgegner“ (genau genommen: Gegner der Treibjagd) in Szene zu setzen, sondern einfach um die Registrierung des Tatbestands, dass die Initiative zustande gekommen ist und mit wie vielen gültigen Unterschriften. Das ist das Faktum, über das ein lokales Medium unbedingt zu berichten hat, und es bleibt dann in seinem Ermessen, wie viel Bedeutung es der Inszenierung darum herum gibt oder ob es diese kritisieren will. Im Prinzip hat ja jeder mediale Auftritt etwas mit politischer Werbung zu tun. Politiker aller politischen Farben wollen möglichst häufig und in einem möglichst guten Licht in den Medien erscheinen – es geht um Reklame für sich selber (im Hinblick auf die nächste erhoffte Wiederwahl), für die Partei (nur eine erfolgreiche Partei gewährleistet die Wiederwahl) und für die Sache (die häufig genug im Dienste der Wahlaussichten steht).
 
Dem Hasen- bzw. Tierschützer Peter Suter kann man dies nicht vorwerfen. Ohne politisches Mandat setzt er sich seit Jahren gegen den Abschuss der ohnehin bedrängten, von Aussterben bedrohten Feldhasen ein. Dann hat er seinen Kampf gegen jagdliche Auswüchse auf die Treibjagd ausgeweitet. Bei dieser jagdlichen Sonderform der Hetzjagd, von Jagdhornbläsern fröhlich eingeleitet, wird eine Meute abgerichteter Hunde auf ein Wildtier angesetzt. Treiber und Jäger erhalten so ein leichtes Spiel, das Tier, das vollständig ermüdet ist, abzuknallen. Dem Leichnam wird dann bei Fackellicht die letzte Ehre erwiesen. Anschliessend wird zum Beispiel Wildragout aus der Gulaschkanone abgefeuert.
 
Das Aargauer Jagdrecht
Die Jäger haben im Aargau einen grossen politischen Einfluss, worauf der Umstand zurückzuführen ist, dass im neuen kantonalen Jagdrecht, das seit dem 01.01.2010 gilt, die Jagd noch „erleichtert“ worden ist. Vorher galt ein Sonntagsjagdverbot. Doch wurde mit dem Vorwand, die Jagd auf Wildschweine zu vereinfachen, die nächtliche Einzeljagd an Sonn- und Feiertagen bis 5 Uhr und ab 18 (Winterzeit) respektive ab 21 Uhr (Sommerzeit) erlaubt. Zudem wurde die Jagdzeit auf weibliches und junges Rehwild um einige Wochen pro Jahr ausgedehnt. Drück- und Treibjagden dürfen „zur Erfüllung des Abschussplans“ jeweils bereits im Oktober durchgeführt werden.
 
Vor einem solchen Hintergrund ist es ja wirklich einleuchtend, dass sich viele Stimmbürger mit demokratischen Mitteln für die misshandelten Tiere einsetzen. Dabei ist erstaunlich, dass dies die Jäger, zumindest jene mit einer ethischen Gesinnung, die es ja auch gibt und von denen ich einige mit Namen benennen könnte, nicht aus eigenem Antrieb tun. Es müsste ihnen ein Anliegen sein, ihr Ansehen unbeschädigt zu erhalten und sich nicht in einen argumentativen Notstand treiben zu lassen.
 
Angst vor dem Vertreiben der letzten Inserenten
Auch die Medien sind in einer Art Notstand. Sie leiden unter einem Inserateschwund, was wirtschaftliche Gründe hat, aber auch auf den Ansehensverlust zurückzuführen ist. Gerade grössere Konzerne haben das Gefühl, ihren Geschäften den grösseren Dienst zu leisten, wenn sie sich auf die Seite der Jäger stellen, unter denen die potenziellen Inserenten eher als bei den Jagdgegnern aufzutreiben sind. Zweifelsohne geht selbst diese Rechnung nicht auf; der Preis, den sie dafür bezahlen, ist eine zunehmende Unglaubwürdigkeit.
 
Und Peter Suter hat dem etwas nachgeholfen. Er gab den Erfolg der Initiative gegen die Treibjagd in der AZ vom 29.10.2010 per knapp eine Viertel Zeitungsseite grossem Inserat unter dem Titel „Stoppt die Jagdsucht der Jäger“ bekannt – schliesslich hatten die Unterzeichner und auch der Rest der Bevölkerung ein Anrecht darauf, das Schicksal des Volksbegehrens detailliert zu erfahren. Wenn sich die in einer Region dominanten Medien weigern, das bekannt zu geben, müssen halt andere Lösungen gesucht werden.
 
In Suters Inseratetext-Vorlage hiess es nach dem fett gedruckten Hinweis auf die eingereichte Initiative und die 3341 beglaubigten Unterschriften:
 
„Das ist ein politischer Akt mit Bedeutung. Wieso hat das Aargauer Medien-Monopol die Unterschriftenzahl und die Einreichung der Initiative ignoriert? Ist es so sehr mit den Jägern verfilzt, dass die Interessen der Leserschaft übergangen werden mussten? Bitte beantworten Sie diese skandalösen Zustände mit einem Ja zur Initiative dann an der Urne.“
 
Eine Zeitung ist nicht nur frei, welche Themen sie behandeln will, und sie kann auch Inserate ablehnen, die ihr nicht in den Kram passen. Im vorliegenden Fall musste der Hinweis auf das „Medien-Monopol“ herausgestrichen werden, das natürlich relativiert werden kann, zumal es ja zum Glück noch den „Landanzeiger“, die „Bibersteiner Dorfziitig“, den „Küttiger Anzeiger“ und wie sie alle heissen mögen, gibt. Der friedfertige Peter Suter konnte mit diesem Akt der AZ-internen Zensur, leben und das abgespeckte Inserat erschien so:
 
„Das ist ein politischer Akt mit Bedeutung. Wieso haben die Aargauer Medien die Unterschriftenzahl und die Einreichung der Initiative ignoriert? Sind sie so sehr mit den Jägern verfilzt, dass die Interessen der Leserschaft übergangen werden mussten?“ Der Hinweis auf die „skandalösen Zustände“ durfte bleiben, nachdem da ja eigentlich fälschlicherweise alle Aargauer Medien angesprochen waren.
 
Der gemeinnützige Verein hatte für dieses Inserat rund 3700 CHF aus der Werbekasse zu bezahlen – die AZ-Medien freut das. Doch den Tierschützern, auf deren Seite das grosse Geld sicher nicht ist, wurde damit ein gutes Argument im Hinblick auf die Volksabstimmung zugespielt: Die Medienmanipulation wurde damit schön dokumentiert.
 
Und genau das sind Vorgänge, die zu den Fehlschüssen gehören und vom breiten Publikum nicht goutiert werden. Hoffentlich können die Wildtiere davon profitieren, denn es geht ja im Prinzip um nichts Anderes als um sie.
 
Anhang
Der Wortlaut der Volksinitiative „Jagen ohne tierquälerisches Treiben“
Die unterzeichneten, im Kanton Aargau stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger stellen hiermit, gestützt auf § 64 der Aargauischen Kantonsverfassung, folgendes Begehren:
 
Das kantonale Jagdgesetz ist so zu ändern, dass die Treibjagd durch Hunde, Menschen und Hilfsmittel aller Art untersagt wird.
 
Begründung:
Das tierverachtende Umherhetzen der Wildtiere ist tierquälerisch, unethisch sowie unnötig. Es dient lediglich dem Freizeitvergnügen der Jäger. Die so genannten „Hegeabschüsse“, falls solche überhaupt nötig sind, können problemlos ohne Treibjagden vorgenommen werden. Zudem entwickelt sich die Luchs-Population im Aargau erfreulich. Dadurch erhalten die Wildtiere wieder einen natürlichen Feind. Abschüsse durch Jäger zur angeblichen Bestandesregulation erübrigen sich deshalb.
 
Die nachstehend erwähnten Personen bilden das Initiativkomitee: Peter Suter, Kölliken; Annemarie Haller, Brittnau; Alfred Hegnauer, Suhr; Walter Hess, Biberstein; Kurt Hübscher, Fahrwangen; Martha Hübscher, Fahrwangen; Maya Meier, Rütihof; Ines Schumacher, Zurzach; Monika Widmer, Buchs; Beatrice Zimmermann, Meisterschwanden.
 
Das Initiativbegehren wurde im Amtsblatt des Kantons Aargau vom 19. Oktober 2009 veröffentlicht.
 
Nachtrag
Das Verschweigen gebrochen
PS: Die Aargauer Zeitung (AZ) vermeldete das Zustandekommen der Initiative 13 Tage nach ihrem eigenen Kommentar und 1 Tag nach Erscheinen des bezahlten Inserats unter dem Druck der Geschehnisse am 30.10.2010 endlich in 2 lapidaren Sätzen unauffällig:
 
„Die Volksinitiative ‚Jagen ohne tierquälerisches Treiben’ ist definitiv zustande gekommen. Wie die Staatskanzlei mitteilt, wurden 3341 gültige Unterschriften eingereicht. Die Initiative will das kantonale Jagdgesetz so ändern, dass die Treibjagd durch Hunde, Menschen und Hilfsmittel aller Art verboten wird.“
 
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